Vietnamesischer Alltag

Familienleben ist angesagt
Stark konfuzianisch geprägt, ist die Familie für den einzelnen Vietnamesen die wichtigste soziale Bezugsgruppe. Bis heute ist das vietnamesische Familiensystem streng patriarchalisch und hierarchisch angelegt. Nach konfuzianischem Verständnis gelten fünf Tugenden als Grundpfeiler menschlichen Zusammenlebens: Güte, Liebe, Wohlwollen, Gerechtigkeit und Treue.

Die Familie hat stets Vorrang und trägt eine wichtige soziale Auffangfunktion. Die Rolle des Einzelnen ist genau festgelegt, es wird z.B. streng unterschieden, ob es sich um ältere oder jüngere Geschwister handelt. Neben den Eltern erziehen auch die Älteren die Jüngeren zu Menschen mit guten Tugenden. Vietnamesische Eltern arbeiten hart für eine glückliche Zukunft ihrer Kinder, wie es das vietnamesische Sprichwort „Wenn die Kinder erfolgreicher sind als der Vater, hat die Familie großes Glück" treffend beschreibt. Daher möchten viele vietnamesische Eltern ihre auch Kinder in Deutschland auf das Gymnasium schicken, damit sie später studieren können und erfolgreich sind.

Was macht man in der Freizeit?
Freizeit ist für viele VietnamesInnen ein Fremdwort. Die Kinder gehen zur Schule, helfen dann im Haushalt, die Eltern haben mehrere Jobs und die Großeltern kümmern sich um die Kleinkinder. In Vietnam arbeiten die meisten Menschen an allen Wochentagen, auch die Geschäfte sind durchgehend geöffnet. Erst abends beginnt die Freizeit, so dass nur der Sonntag für das Familienvergnügungen bleibt. Auch in Deutschland pflegen Vietnamesen diesen Stil. Sie gehen abends kaum aus dem Haus - dabei spielt die finanzielle Lage eine wesentliche Rolle. Dazu kommt die Verpflichtung, die Familie in Vietnam finanziell zu unterstützen. Die Freizeitgestaltung konzentriert sich somit auf das Familienleben am Abend. Am Wochenende werden Landsleute besucht oder spezielle vietnamesische Speisen zubereitet, um Freunde zu empfangen. Denn Vietnamesen verbringen ihre Freizeit gern mit Landsleuten, essen und plaudern. Eine neue Leidenschaft der Vietnamesen ist Karaoke mit der ganzen Familie – auch im Dong Xuan Center. Treten vietnamesische Künstler auf, werden lange Anfahrtszeiten und hohe Konzertpreise in Kauf genommen. Auch der Fernseher mit den vietnamesischen Fernsehsendern per Satellit ist nicht mehr wegzudenken.

Die Wohnungen der Vietnamesen haben einen offenen Charakter - ein Kommen und Gehen von Nachbarn, Bekannten und Freunden ist typisch und angesagt. Auch kurze Besuche bedeuten über das Kontakthalten hinaus Informationsaustausch und gegenseitige Hilfe bei sozialen Problemen.

Wer feste arbeitet, soll auch Feste feiern
Außer dem Nationalfeiertag am 2. September, dem Geburtstag von Staatsgründer Ho Chi Minh am 19. Mai, dem 1. Mai und einigen sozialistischen Gedenktagen wie Tag des Lehrers und Internationaler Frauentag haben die vietnamesischen Feste religiöse Hintergründe. Sie berechnen sich nach dem Mondkalender und finden in der Aussaat- und Erntezeit oder zum Gedenken an die Ahnen statt. Dazu kommen die buddhistischen Feiertage sowie verschiedene lokale und regionale Tempel- und Pagodenfeste. Große Feste werden zum Frühlings- und Herbstvollmond gefeiert. Das bedeutendste Fest in Vietnam ist aber Tet Nguyen Dan, das Neujahrsfest zu Beginn des Frühling und der Aussaat. Je nach Ort feiert man dieses Fest zwischen sieben Tagen einen Monat. Zum Tet-Fest versuchen Vietnamesen aus aller Welt nach Hause zu fliegen, um dieses Fest gemeinsam mit ihren Familien dort zu feiern.
Anlässe wie Hochzeit, große Reisen, Hausbau, Umzug oder Geschäftseröffnung richten sich ausschließlich nach dem Mondkalender.
Geburtstage sind für Vietnamesen nicht so wichtig wie in Deutschland. Nur der erste Geburtstag eines
Kindes wird in großem Kreis gefeiert. Danach werden erst ab dem 60. Geburtstag große, würdevolle Feiern
organisiert. Diese sollen den Senioren einen höheren Rang, mehr Respekt und Ansehen verschaffen.

Und zur schönsten Zeit des Jahres?
Für die meisten Deutschen heisst Urlaub Ausruhen und Verreisen, für Vietnamesen hauptsächlich, zu Hause arbeiten oder Familienmitglieder besuchen. Vietnamesen aus Deutschland nehmen ihre gesamten Ersparnisse, um nach Vietnam zu fliegen. Dieser Besuch ist meist mit vielen Verpflichtungen verbunden. Es beginnt gleich am ersten Tag mit dem Besuch von Verwandten und der Verteilung von Geschenken. Trotzdem genießen sie diese Zeit, da sie in Vietnam besondere Zuneigung und Anerkennung genießen.
Wegen der hohen Kosten können sie aber nur alle drei oder vier Jahre in den Urlaub nach Vietnam fliegen.

Ziel Nummer zwei für Vietnamesen ist Paris. Durch die lange französische Kolonialzeit von1787-1954 ist der Einfluss der Franzosen auf das alltägliche, geistige und kulturelle Leben der Vietnamesen noch heute spürbar. Die Architektur in Paris ist der in Hanoi sehr ähnlich. In Paris leben seit Jahrzehnten hunderttausende Vietnamesen – häufig Verwandte, Freunde und Bekannte. Ein Muss ist hier der Besuch von „Quan 13" (Stadtteil 13), in dem hauptsächlich Vietnamesen leben und viele asiatische Geschäfte angesiedelt sind.