Wenn man zweimal Neujahr feiert

Für Vietnamesen, die im Westen leben, haben Silvester und Neujahr in der Regel eine andere Bedeutung als das eigentliche vietnamesische Neujahrsfest Tet, sind aber dennoch nicht bedeutungslos.

Tet Nguyen Dan, das vietnamesische Neujahr nach dem Mondkalender, ist das zentrale kulturelle, familiäre und spirituelle Fest Vietnams. Es markiert den wirklichen Jahreswechsel im traditionellen Sinn: den Beginn eines neuen Lebensabschnitts, verbunden mit Ahnenverehrung, Familienzusammenkünften, Glücksritualen, Glückwünschen und symbolischen Handlungen für Wohlstand, Gesundheit und Harmonie. Dieses Fest findet meist Ende Januar oder im Februar statt.

Silvester und Neujahr nach dem westlichen Kalender (31. Dezember / 1. Januar) haben für Vietnamesen im Westen dagegen vor allem eine praktische und gesellschaftliche Bedeutung. Sie nehmen daran teil, weil es das offizielle Neujahr des Landes ist, in dem sie leben. Der Jahreswechsel ist ein gesetzlicher Feiertag, ein sozialer Fixpunkt und Teil des öffentlichen Lebens. Viele Vietnamesen feiern daher mit Freunden, Kollegen oder Nachbarn, schauen Feuerwerk oder stoßen um Mitternacht an - oft ähnlich wie ihre westlichen Mitbürger.

Emotional und kulturell bleibt der 1. Januar jedoch für viele eher symbolisch als tief verankert. Er wird oft als „kalendertechnischer" Jahresbeginn gesehen, nicht als der Moment, an dem man wirklich neu anfängt oder spirituelle Bedeutung hineinlegt. Traditionelle Rituale wie Ahnenopfer, Glücksumschläge (li xi), Neujahrsbesuche oder besondere Speisen gehören in der Regel nicht zu diesem Datum.

Für jüngere Generationen oder Vietnamesen, die im Westen aufgewachsen sind, kann sich die Bedeutung allerdings verschieben. Sie erleben oft eine doppelte Kultur: Silvester wird als fröhliches, modernes Fest mit Freunden gefeiert, während Tet weiterhin als familiäres und kulturelles Kernfest gilt. Viele empfinden das westliche Neujahr als Gelegenheit für Spaß und Geselligkeit, während Tet als Moment der Identität, Herkunft und Tradition wahrgenommen wird.

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass Silvester und Neujahr für Vietnamesen im Westen eher ein gesellschaftlicher und offizieller Jahreswechsel sind, während das eigentliche emotionale, kulturelle und spirituelle Neujahr weiterhin mit Tet verbunden bleibt. Beide Feste existieren nebeneinander, erfüllen aber unterschiedliche Funktionen im Leben vietnamesischer Familien.