Das Märchen von Lac Long Quan und Au Co

Vor unzähligen Jahren, als die Berge noch mit den Wolken sprachen und die Flüsse den Gesang der Sterne in sich trugen, lebte in einem fernen Land ein mächtiger Drachenkönig namens Lac Long Quan. Er war der Sohn des Drachenherrschers des Meeres und besaß die Kraft der Wellen, den Mut des Donners und die Weisheit der uralten Gewässer.

Wo immer Not herrschte, erschien Lac Long Quan. Er besiegte wilde Ungeheuer, zähmte reißende Flüsse und lehrte die Menschen, Reis anzubauen, Netze zu knüpfen und in Frieden mit der Natur zu leben. Deshalb liebten ihn die Menschen wie einen gütigen Beschützer.

Zur gleichen Zeit lebte hoch oben in den nebelverhangenen Bergen eine wunderschöne Fee namens Au Co. Sie war die Tochter eines mächtigen Berggeistes und besaß ein Herz voller Güte. Überall, wo sie ihre Schritte setzte, blühten Blumen, sangen die Vögel und dufteten die Wälder. Sie kannte die Geheimnisse der Heilkräuter und half liebevoll den Kranken und Bedürftigen.

Eines Tages begegneten sich der Drachenkönig und die Fee. Als ihre Blicke sich trafen, schien die Welt für einen Augenblick stillzustehen. Das Meer rauschte leiser, der Wind hielt inne, und selbst die Berge schienen zu lächeln. Bald erkannten sie, dass ihre Herzen füreinander bestimmt waren. Sie feierten ein prächtiges Hochzeitsfest, wie es die Welt noch nie gesehen hatte. Drachen stiegen aus den Wellen empor, Phönixe zogen ihre Kreise am Himmel, und die Wälder erklangen von fröhlichem Gesang. Menschen, Tiere und Geister feierten gemeinsam die Verbindung von Meer und Bergen.

Nicht lange danach geschah etwas Wunderbares. Au Co brachte kein einzelnes Kind zur Welt, sondern ein großes, schimmerndes Ei. Aus diesem Ei schlüpften einhundert gesunde Kinder, stark, klug und voller Lebensfreude. Die Menschen staunten, denn sie wussten, dass dies ein Zeichen des Himmels war. Die hundert Kinder wuchsen rasch heran und wurden zu mutigen jungen Frauen und Männern.Doch obwohl Lac Long Quan und Au Co einander liebten, spürten sie mit der Zeit, dass ihre Natur verschieden war. Der Drachenkönig gehörte zum Meer, dessen Wellen ihn riefen. Die Fee war mit den Bergen verbunden, deren Gipfel ihre Heimat waren. Eines Abends standen sie gemeinsam dort, wo die Berge auf das Meer blickten. Schweren Herzens beschlossen sie, sich zu trennen - nicht aus Zorn, sondern aus Liebe und Weisheit.

Lac Long Quan sprach: „Ich bin ein Sohn des Meeres, und mein Herz gehört den Wellen." Au Co antwortete: „Ich bin eine Tochter der Berge, und meine Seele findet Frieden in den Wäldern." So nahmen sie Abschied voneinander. Fünfzig ihrer Kinder folgten dem Drachenkönig hinab an die Küsten und auf die Inseln. Dort wurden sie geschickte Fischer, mutige Seefahrer und Hüter des Meeres.

Die anderen fünfzig Kinder zogen mit Au Co hinauf in die Berge und Taler. Sie wurden kluge Bauern, geschickte Handwerker und tapfere Beschützer der Wälder. Bevor sie sich endgültig trennten, versprachen sich Lac Long Quan und Au Co: „Auch wenn Meer und Berge weit voneinander entfernt sind, bleiben unsere Kinder für immer eine einzige Familie. Sie sollen einander helfen, in Frieden leben und niemals vergessen, woher sie stammen."

Aus den hundert Kindern entstand schließlich das Volk Vietnams. Der älteste Sohn wurde der erste König des Landes und gründete das Reich Van Lang. Von Generation zu Generation erzählten die Menschen die Geschichte ihrer wunderbaren Herkunft weiter. Noch heute nennen sich die Vietnamesen liebevoll „Con Rong Chau Tien" - Kinder des Drachen und Enkel der Fee. Die Legende erinnert sie daran, dass sie, gleich ob sie an den Küsten, in den Ebenen oder in den Bergen leben, eine gemeinsame Herkunft teilen und zusammengehören - so wie Meer und Berge trotz aller Unterschiede ein einziges Land bilden.

Und wenn der Nebel morgens über den grünen Bergen schwebt und die Wellen des Meeres im Sonnenlicht glitzern, erzählen die Alten den Kindern noch immer, dass dort die Spuren von Lac Long Quan und Au Co zu finden sind - und dass ihre Liebe bis heute in den Herzen ihres Volkes weiterlebt.