Das Leben auf dem Wasser

Das Leben auf dem Wasser im Mekong-Delta im Süden Vietnams wirkt auf Menschen, die aus einer Stadt mit Straßen, Autos und festen Gebäuden kommen, zunächst wie eine andere Welt. Doch für die Bewohner ist es keineswegs ein exotisches Abenteuer, sondern vor allem eines: Alltag. Der entscheidende Punkt ist: Im Mekong-Delta ist das Wasser nicht das Hindernis, das überwunden werden muss. Das Wasser ist die Straße. Flüsse, Nebenarme und unzählige Kanäle verbinden Häuser, Dörfer, Felder und Städte miteinander. Wo anderswo eine Straße zum Markt führt, führt hier ein Kanal dorthin. Wo ein Taxi wartet, liegt ein Boot. Und wo man an Land einen kleinen Laden findet, kann es auf dem Mekong ein Boot sein, das langsam am eigenen Haus vorbeifährt.

Eine Landschaft, in der Wasser die Straßen ersetzt

Das Mekong-Delta ist eine riesige, flache Schwemmlandregion im Süden Vietnams. Der Mekong teilt sich hier in zahlreiche Flussarme auf, bevor er ins Südchinesische Meer mündet. Dazu kommen kleinere natürliche Wasserläufe und von Menschen angelegte Kanäle. Über Jahrhunderte entwickelte sich deshalb eine  Lebensweise, die sich an das Wasser angepasst hat. Historisch war das Straßennetz in vielen Teilen des Deltas schlecht ausgebaut, während die Wasserwege unmittelbar vorhanden waren. Die schwimmenden Märkte entstanden unter anderem genau aus diesem Grund: Bauern und Händler konnten ihre Waren per Boot zusammenbringen, anstatt sie über schwierige Landwege zu transportieren.  Das verändert die Vorstellung davon, was ein „Dorf" überhaupt ist. Ein Dorf muss nicht aus einer Straße mit Häusern links und rechts bestehen. Es kann aus Häusern am Flussufer, Stegen, kleinen Bootsanlegern und Booten bestehen, die ständig zwischen den einzelnen Orten unterwegs sind.

Der Tag beginnt sehr früh

Besonders bekannt sind die schwimmenden Märkte, zum Beispiel der Markt von Cai Rang bei Can Tho. Schon früh am Morgen treffen dort zahlreiche Boote zusammen. Händler verkaufen Obst, Gemüse, Reis, Fisch und andere Waren. Auf größeren Booten werden die Produkte oft in großen Mengen gehandelt. Kleinere Boote verkaufen Kaffee, Frühstück oder andere Lebensmittel. An langen Bambusstangen zeigen Händler, welche Waren sie anbieten. Auch viele Dienstleistungen passen sich dem Leben auf dem Wasser an. Es gibt Verkaufsboote, Werkstätten und teilweise Tankstellen direkt am Fluss. Wer Benzin, Lebensmittel oder andere Dinge braucht, kann sie also oft auf dem Wasser bekommen. Kinder fahren je nach Wohnort mit Booten oder Fähren zur Schule. Familien, die direkt am Wasser leben, haben häufig einen kleinen Anleger vor dem Haus. Von dort aus gelangen sie zur Arbeit, zum Markt oder in benachbarte Dörfer. Das Leben funktioniert also nicht wirklich ohne Straßen, sondern mit einem anderen Verkehrssystem. Die Flüsse sind die Straßen, die Boote sind die Fahrzeuge und die schwimmenden Märkte sind die Marktplätze.

Langsam verändert sich diese Lebensweise

Durch neue Straßen und Brücken werden Waren heute zunehmend mit Lastwagen transportiert. Deshalb verlieren manche schwimmenden Märkte ihre frühere wirtschaftliche Bedeutung. Sie bleiben aber ein wichtiger Teil der Kultur und des Lebens im Mekong-Delta.