Die heilige Schildkröte von Hanoi
Mitten im Herzen von Hanoi, der Hauptstadt Vietnams, liegt ein wunderschöner See. Er heißt Hoan-Kiem-See, was so viel bedeutet wie „See des zurückgegebenen Schwertes". Und um diesen See rankt sich eine ganz besondere Geschichte. Eine Geschichte von einem König, einer geheimnisvollen goldenen Schildkröte und einem magischen Schwert. Man erzählt sie sich in Vietnam seit vielen Jahrhunderten.
Die Legende
Vor langer, langer Zeit wurde Vietnam von Feinden bedroht. Das Land war in großer Not, und die Menschen wünschten sich nichts sehnlicher als Frieden und Freiheit. Damals lebte ein Mann namens Le Loi. Er sollte später König von Vietnam werden. Eines Tages, so erzählt die Legende, fand er auf geheimnisvolle Weise ein ganz besonderes Schwert. Es war kein gewöhnliches Schwert. Es besaß magische Kräfte und sollte ihm helfen, sein Land zu retten. Mit diesem Schwert führte Le Loi sein Volk in den Kampf. Und tatsächlich: Nach vielen schwierigen Jahren gelang es ihm, die Feinde zu besiegen und Vietnam die Freiheit zurückzugeben.
Le Loi wurde König. Endlich herrschte wieder Frieden im Land. Doch dann geschah etwas Wunderbares. Eines Tages fuhr der König mit seinem Boot über einen großen See in Hanoi. Die Sonne glitzerte auf dem Wasser, und alles war friedlich. Plötzlich tauchte aus den Tiefen des Sees eine riesige, goldene Schildkröte auf. Sie schwamm direkt auf das königliche Boot zu und hob ihren Kopf aus dem Wasser. Der König erkannte sofort: Das war keine gewöhnliche Schildkröte. Die Schildkröte kam, um das magische Schwert zurückzufordern. Denn es gehörte ihr - oder vielmehr dem geheimnisvollen Drachenkönig, der es dem König einst geliehen hatte. Ganz ruhig nahm Le Loi das Schwert und hielt es der Schildkröte entgegen. Die Schildkröte nahm das Schwert mit ihrem Maul und verschwand damit wieder in den Tiefen des Sees. Der König verstand die Botschaft. Das Schwert war ihm nur geliehen worden, damit er sein Land befreien konnte. Nun, da Frieden herrschte, musste er es zurückgeben. Aus Dankbarkeit und Ehrfurcht nannte er den See fortan Hoan-Kiem-See - den See des zurückgegebenen Schwertes.
Und was ist heute aus der Schildkröte geworden?
Bis heute ist die Schildkröte ein ganz besonderes Symbol für die Menschen in Vietnam. Mitten im See steht ein kleiner Turm, der sogenannte Schildkrötenturm. Er erinnert an die geheimnisvolle Begegnung. Auch im Tempel Ngoc Son, der über eine wunderschöne rote Brücke erreichbar ist, wird die Legende lebendig gehalten. Und tatsächlich gab es im See über viele Jahre riesige, seltene Weichschildkröten. Eine berühmte Schildkröte lebte dort bis zum Jahr 2016. Viele Menschen glaubten, sie sei eine Nachfahrin jener heiligen Schildkröte aus der Legende.
Die schöne Botschaft der Geschichte
Die Legende erzählt uns etwas sehr Menschliches: Manchmal bekommen wir etwas Wertvolles nur geliehen, damit wir eine wichtige Aufgabe erfüllen können. Und wenn diese Aufgabe getan ist, müssen wir es wieder loslassen. Für die Vietnamesen steht die Schildkröte bis heute für Weisheit, Geduld, Glück und ein langes Leben. Und wenn man am frühen Morgen am Hoan-Kiem-See spazierengeht, wenn der Nebel über dem Wasser liegt und die Stadt langsam erwacht, kann man sich gut vorstellen, wie die goldene Schildkröte eines Tages wieder aus den Tiefen des Sees auftaucht.
Vielleicht wacht sie ja noch immer über Hanoi.
